Neoosmanische Machtspiele – die Türkei auf Expansionskurs

Präsident Erdogan versucht, die Türkei als regionale Großmacht im Nahen Osten zu etablieren. Das Osmanische Reich gilt ihm als Vorbild. Hier vermengen sich mehrere Aspekte.

Von Marco Maier

Es gibt einige Länder auf dieser Welt, die wehmütig auf vergangene Zeiten zurückblicken. Zeiten, in denen sie über Macht und Einfluss verfügten und die heute längst schon Vergangenheit sind. Auch die Türkei gehört dazu.

Die türkische Dynastie der Osmanen, die von etwa 1299 bis zum Jahr 1922 regierten und teilweise bis zu 1,8 Millionen Quadratkilometer Land beherrschten, stehen für viele Türken auch heute noch für eine glorreiche Zeit, in der ihr Volk weite Teile der muslimischen Welt, aber auch Südosteuropa dominierte.

Das Osmanische Reich. Bild: Wikimedia / André Koehne CC BY-SA 3.0

Für die Araber, die als Volk des Propheten Mohammed und als Bewohner der heiligen islamischen Stätten Mekka und Medina eine gewisse Sonderstellung beanspruchen, ist heutzutage die osmanische Herrscherzeit eine Schmach. Auch deshalb gibt es heute eine gewisse Rivalität zwischen der neoosmanisch ausgerichteten Politik von Präsident Recep Tayyip Erdogan (sowie Teilen seiner Regierung) und einigen arabischen Staaten – insbesondere Saudi-Arabien.

Nicht zu vergessen, dass die Wahhabiten (eine strenge Auslegung der hanbalitischen Rechtsschule des Islams) den osmanischen Prunk ablehnen und im Jahr 1803 in den heiligen Städten Mekka und Medina eine „Reinigung“ durchführten. Im Osmanisch-saudischen Krieg (1811–1818) konnte das Reich die saudischen Wahhabiten noch einmal zurückdrängen, doch erstmals in der Geschichte wurde die religiöse Legitimität der osmanischen Führung in Frage gestellt.

Dies führt auch dazu, dass es in einigen Konfliktgebieten immer wieder zu Reibereien mit von Saudi-Arabien und anderen arabischen Staaten finanzierten Gruppen und Milizen kommt. Dabei zeigt es sich, dass Ankara die eigenen wirtschaftlichen und Sicherheitsinteressen geschickt mit den historischen Ansprüchen verknüpft.

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Man sollte nicht vergessen, dass beispielsweise ganz Kurdistan (welches heute zwischen der Türkei, Syrien, dem Irak und dem Iran aufgeteilt ist) im 16. Jahrhundert zusammen mit großen Teilen der Levante und Ägyptens Teil des Osmanischen Reiches wurde. Die Bestrebungen nach mehr Autonomie bzw. nach einer staatlichen Unabhängigkeit innerhalb der kurdischen Gesellschaft stellt auf der einen Seite eine Bedrohung für die nationale Integrität der Türkei dar, andererseits sorgt die Präsenz von türkischen Truppen im Nordirak und noch mehr in Nordsyrien dafür, dass diese Gebiete faktisch zum türkischen Einflussgebiet werden.

In Libyen, welches damals als Tripolitanien zum osmanischen Herrschaftsgebiet gehörte, kommen neben den wirtschaftlichen Aspekten (unter anderem die Öl- und Gasförderung im östlichen Mittelmeerraum) auch die historischen Ansprüche zu tragen. Aber auch hier spielen innerislamische Spannungen eine Rolle:

So unterstützt Ankara die von den UN anerkannte Regierung von Fayiz as-Sarradsch, die jedoch faktisch lediglich das westliche Tripolitanien rund um die Hauptstadt Tripolis beherrscht, während die ostlibysche Kyrenaika mit den wichtigen Ölfeldern unter der Kontrolle von Feldmarschall Khalifa Haftar steht. Dieser wird unter anderem von Ägypten unterstützt. Haftar steht für eine weltlich orientierte Allianz, die radikalere Strömungen (wie die Muslimbruderschaft, aber auch den IS) konsequent ablehnt und bekämpft. Damit ist er quasi ein „Bruder im Geiste“ von Abd al-Fattah as-Sisi, dem Präsidenten Ägyptens, der 2013 seinerseits die Muslimbruder-Regierung in seinem Land wegputschte.

Wenn man nun bedenkt, dass der türkische Präsident als Muslimbruder gilt, wird auch deutlich, wo die Konfliktlinien zwischen der Ankara, Kairo und Riad liegen. Die wahhabitischen Saudis lehnen die als revolutionär geltende Muslimbruderschaft aus religiösen und sicherheitspolitischen Gründen ab, die laizistische Führung Ägyptens hingegen sieht in ihr eine gefährliche islamistische Strömung. Allerdings sind die Muslimbrüder längst nicht so radikal wie die Taliban in Afghanistan oder die Wahhabiten (Salafisten) in Saudi-Arabien.

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Kein Wunder, dass beispielsweise auch Katar zu einem Freundstaat der Türkei wurde. Einerseits finanziert das Emirat die Muslimbrüder und andere islamistische Gruppen in Europa, andererseits haben die Türken dort eine Militärbasis errichtet, um das Land vor einer Intervention durch Saudi-Arabien und dessen Verbündete zu schützen. Zudem haben sowohl Doha als auch Ankara einigermaßen vernünftige Beziehungen zum schiitischen Iran, der sowohl von den Saudis als auch von den Israelis und den Amerikanern als große regionale Gefahr betrachtet wird. Doch in der regionalen Machtpolitik am Persischen Golf der türkischen Führung ist das kleine Emirat strategisch wichtig.

Unter Berücksichtigung all dieser Umstände, sowie der Miteinbeziehung der türkischen Netzwerke bei den anderen Turkvölkern in Zentralasien, wird deutlich, dass Präsident Erdogan und die türkische Spitzenpolitik sukzessive eine Basis für ein neues Osmanisches Reich legen – wenngleich auch unter anderen Voraussetzungen und Umständen. Anstelle eines großen Reiches wird stärker auf eine „türkische Union“ (bzw. eine Union der Turkstaaten) gesetzt, die zudem über ein Netzwerk aus verbündeten bzw. befreundeten Staaten in der Region erweitert und gefestigt werden soll. Der „Türkische Rat“ (Mitglieder: Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgisistan, Türkei und Usbekistan) ist hierbei Teil dieser Basis.

Wenn man all diese Mosaiksteine zusammenfügt, ergibt sich bereits ein grobes Bild davon, in welche Richtung die ganzen Entwicklungen führen sollen. Erdogan verfolgt dabei ambitioniert seine Ziele, selbst wenn dies zu Verwerfungen mit den Vereinigten Staaten, der NATO und der Europäischen Union führt. Auf Basis der türkischen Vergangenheit will er seinem Volk eine neue Zukunft bieten – doch diese liegt nicht (wie es Republikgründer Kemal „Atatürk“ Pascha wollte) im Westen, sondern im Dreieck östliches Mittelmeer, Schwarzes Meer und Persischer Golf.

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